Siegerpodest

Auszug Pressebericht von Hans-Joachim Bittner

Novum im Bob-Sport: Ein unvergessenes Herzschlagfinale bei der WM 2017 am Königssee – Achtmal Gold.

Klaus Schwendtbauer blickt mit Sorgenfalten auf sein Werk herab. Acht „schwere Jungs“ – fast wie in der Rosenmüller-Filmkomödie von 2006 – bevölkern das oberste Siegerpodest. Das hatte der Reichenhaller gut ein Jahr zuvor modelliert, geformt, patina-veredelt. Aus Polyester. Jeder Platz – eins, zwei, drei – ist für zwei Sportler konzipiert, mindestens. Vier? Gut, vielleicht. Aber für acht gestandene Bobfahrer? Weltmeister obendrein! Die jetzt auch noch auf dem grauen „Stockerl“ in Felsform und -optik mit der goldenen Eins vorn drauf herumspringen und tanzen. Es wird eng, für die Sportler und das Podest. Aber warum acht?
Sonntag, 26. Februar 2017, 17.07 Uhr: 10.000 Zuschauer linker- und rechterhand der Königsseer Bob-, Rodel- und Skeleton Bahn, der weltweit ältesten mit Kunsteis belegt, erbaut 1968, sehen final einen postgelben Schlitten zu Tal und ab der Echowand am niedrigsten Bahnpunkt wieder bergauf rasen. Der Rückstand nimmt sukzessive ab, es wird eine Tausendstel-Entscheidung, das ist klar. Bahnsprecher Willi Willmann schreit sich die Seele aus dem Leib. Hansi Lochner, ein Lokalmatador, pilotiert seinen Viererbob über die latente Ziellinie, die Uhr bleibt stehen – „(1) +0:00“ leuchtet rechts unten im Fernsehbild auf. Alle brauchen zwei drei Wimpernschläge um zu realisieren: Nicht nur der Berchtesgadener ist nach überstandener Grippe mit seinen drei Anschiebern Matthias Kagerhuber, Joshua Blum und Christian Rasp „Welthmeister dahoam“, in der so vertrauten Königssee-Röhre, sondern ex aequo mit vier anderen seiner Zunft. Nach vier Läufen über jeweils 1244, also insgesamt 4976 Meter absolut zeitgleich, auf die Hundertstel – 3:14.10 Minuten. Zahlen, die acht Bobfahrer ihr Leben lang nicht vergessen werden.
Was sich Sekunden nach Stillstand des Lochner-Schlittens abspielt, lässt jegliche Rivalität für einen Abend vergessen. Athleten, Trainer, Betreuer, Eltern, Familie, Fans – kreuz und quer liegen sich Menschen in den Armen, können die Dramatik dieses Rennens nicht fassen und schauen immer wieder nach oben. Dort ist das sensationelle Endergebnis zementiert: Zwei 1. Plätze. Die Ereignisse am Königssee erlangen rasch und spielend leicht geschichtlichen Charakter: In der rund 90-jährigen Bob-WM-Geschichte hat es noch keine zwei Weltmeister innerhalb eines Rennens gegeben – und wird es vielleicht nie mehr geben.
Stockerlbauer Klaus Schwendtbauer aus Marzoll atmet nochmal tief durch, als sich zu den sieben „schweren Jungs“, die sein naturgetreues Konstrukt bevölkern, auch noch der schwere WM-Pokal gesellt – und der Untergrund mit Bravour hält. Normalerweise sind Schwendtbauers Felsen innen hohl. Er hatte aber schon eine leichte Vorahnung und konzipierte sie im Herbst 2015, im Vorfeld der Rodel-WM 2016 am Königssee, vorsorglich mit einer Tragfähigkeit von rund 400 Kilo. Dennoch stellt sich beim Künstler latente Nervosität ein, als die letzte Medaillenvergabe eines rauschenden WM-Wochenendes näher rückt und nach der ersten Belastungsprämiere ein Jahr zuvor nun Bob-Weltmeister mit einem Gesamtgewicht über 700 Kilo in ihren knallgelben Nationalteam-Anoraks fast zeitgleich freudig auf seinen Platz 1-„Felsen“ springen. Es klappt. Nichts geht kaputt. Die Superlative fanden an diesem Abend kein Ende, letztlich hatte die nun 50 Jahre alte Kunsteisbahn am Königssee so etwas noch nicht erlebt…

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